"Bildung ist wichtig, vor allem wenn es gilt, Vorurteile abzubauen.
Wenn man schon ein Gefangener seines eigenen Geistes ist, kann man wenigstens dafür sorgen, daß die Zelle anständig möbliert ist.
"
Peter Ustinov
„Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“

Benjamin Franklin


Freitag, 9. Oktober 2009

Wandertag im Jahre 2009ev

So langsam frage ich mich, ob diejenigen unter den Anhängern der internationalen Weltverschwörung nicht doch wenigsten ein wenig Recht haben, welche die Meinung vertreten, es gäbe organisierte Bestrebungen, die Menschheit in einen Haufen medienabhägiger, konsumgeiler Idioten zu verwandeln. Was natürlich Quatsch ist! Die Gesellschaft schafft sich ihre Probleme selbst, aber das soll jetzt nicht das Thema sein.
Oder vielleicht doch...

Ich habe mich diese Woche fürchterlich geärgert, und es gärt immer noch ein wenig.

Am Donnerstag war der Wandertag meines Sohnes.
Nun sind die Zeiten ja vorbei, als der Name noch Programm war, also gewandert wird schon lange nicht mehr.
Soweit ich mich erinnern kann, hörte das bei mir, in meiner Schulzeit schon langsam auf. Allerdings wurden wir immerhin an besagtem Wandertag in einen Bus getrieben und zu Sehenswürdigkeiten und Freizeitparks in der näheren Umgebung gekarrt.  So besuchten wir das Freilicht-Museum in Kommern, den Kölner Zoo oder den Natur- und Tierpark in Brüggen. Auch Phantasialand in Brühl (als es noch nicht so DisneyWorld mäßig aufgerüstet war) stand einmal auf dem Programm.
Bewaffnet waren wir mit allerlei Proviant von Butterbroten, Bockwürstchen, über gekochte Eier bis hin zu Tee und Saft oder den obligatorischen Caprisonne. Damit will ich sagen, dass z.B. ein Besuch in der Systemgastronomie nicht auf dem Programm stand.

Okay, die Zeiten haben sich geändert, ist ja kein Thema. Auch waren solche Ausflüge nicht immer die reinste Freude, in Kommern beispielsweise hat es immer wieder geregnet, sodass man sich zum Essen nicht mal auf eine Bank setzen konnte, sondern unter Bäumen gequetscht, in nassen Regenzeug im Stehen essen musste und alle froh waren, als man endlich wieder im Bus Richtung Heimat saß.
Trotzdem war es schön.

Schon bei meiner Tochter sahen die Wandertage etwas anders aus, allerdings waren sie immerhin im Archäologischen Park in Xanten und in verschiedenen Museen, Sport- und Freizeitparks, haben mal eine Radtour unternommen oder haben gegrillt. Ich denke, das lag auch sehr an der Einstellung des Klassenlehrers.

Allerdings habe ich mich am Mittwoch tierisch über das Programm des am Donnerstag anberaumten Wandertages meines Sohnes geärgert.
Vorgesehen war ein Besuch des Sea Life in Oberhausen. Soweit so gut, finde ich eine klasse Idee. Als er eben an diesem Mittwoch erzählte,  dass die Klasse wohl erst so gegen 18:00 Uhr wieder nach Hause käme, dachte ich auch noch, es ginge darum, nicht so hetzen zu müssen und sich alles in Ruhe ansehen zu können. Immerhin war die Klasse mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und konnte nicht ganz verstehen, warum der Herr Krähensohn darüber so stinksauer war.

Er erklärte mir dann, dass vor und nach dem Besuch im Sea Life noch jeweils zwei Stunden zum Shopping im beim nahegelegenen CentrO, laut Eigenwerbung "Europas größtes Shopping- und Freizeitzentrum", vorgesehen seien. Das ist nichts anderes, als ein Mega-Einkaufszentrum und Konsumtempel...oder, wie Sohnemann trocken bemerkte, auch nichts anderes wie unser RathausCenter, nur größer.
Warum er persönlich so sauer war, liegt daran, dass er nur das Wort "Shopping" hören muss, um für sich zu entscheiden, dass er lieber freihwillig zu Hause bleibt und auf den Hund aufpasst, wenn wir zu diesem Zweck nach Düsseldorf oder Köln fahren wollen, weil es in unserem Ort außer Lebensmittel, zig Billigklamottenläden und 1-Euro-Shops nicht vernünftiges gibt und sich mal wieder eine Liste mit notwendigen Erwerbungen angesammelt hat.
Da haben wir mittlerweile unsere feste Tour über Elektronik- und Computer-Fachgeschäfte, unserem Gothik-Shop, dem Headshop, diversen Buchgeschäften und...*stöhn*...Pimki, H&M und Co. für die Dame, die nie nichts anzuziehen hat. Mittlerweile ist es ja auch schon so, dass man, wenn man nicht auf den Mainstream-Plastik-Schuhersatz vom Deichmann steht, wegen einem blöden Paar Schuhe in die City fahren muss...

Und da komme ich dann dazu, warum ich so sauer war.
Shopping ist manchmal ein Muss, meist total lästig und etwas, was ich so lange es geht hinauszögere und so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte. Ich räume natürlich ein, dass dies meine persönliche Auffassung ist und ich nicht verlange, dass dies jeder so sieht.
Allerdings, und das ist der Punkt, Shopping ist keine Freizeitgestaltung!
Darunter verstehe ich Sport, Kino, irgendein Hobby oder eine Aktivität, wie Modelbau, LARP, Nähen, Häkel, Stricken, Wandern, Blumen pflücken, weiß der Geier, aber ganz bestimmt nicht einkaufen...

Ich hätte ja bestimmt nichts dagegen gehabt, wenn gesagt worden wäre, wer Lust hat, kann ja noch 'ne Stunde ins CentrO. Ist ja kein Thema. Als wir in das Alter kamen, wo die Lehrer uns auch mal unbeaufsichtigt herumlaufen lassen konnten, haben wir auch schon mal bei solchen Ausflügen eine Innenstadt unsicher gemacht, haben uns 'ne Pommes geholt oder waren mal in einem Kaufhaus. Aber das meist, weil eben noch Zeit war, bis wir wieder Heim fuhren und spontan.
Aber als fester Bestandteil des "Wandertages"? Und als quasi Pflichtveranstaltung, weil, wie mein Sohn schon angekündigt hatte, hatte er sich ein Buch mitgenommen und sich lesend auf einer Bank niedergelassen, während der Rest dem Konsum fröhnte, woraufhin er ständig von Lehrern angesprochen wurde, er solle sich doch an der Gruppenaktivität beteiligen. Bitte?
Das ist der Junge, den ich nur unter Androhung von Gewalt dazu bekomme, mal mitzugehen, wenn er Hosen oder Schuhe braucht, die er ja nun gezwungener Maßen anprobieren muss...

Aber, dass da im Rahmen einer schulischen Veranstaltung den Kids vermittelt wird, Shopping wäre adäquate Freizeitgestaltung und Gruppenaktivität, kotz mich so richtig an.
Was sind denn das für Werte?
Spass hat nur derjenige, der Geld ausgibt?
Und dies, wo die meisten Jugendlichen eben schon so konditioniert sind, dass sie eben mit ihrer Freizeit kaum noch etwas anderes anzufangen wissen. Die Kreuz unglücklich sind, wenn sie nicht das neueste Handy, nicht den geilsten High-End-Rechner, nicht die trendigsten Klamotten ihr eigen nennnen dürfen. Die sich langweilen, wenn sie kein Geld ausgeben können.
Wo Azubis teilweise schon über eigenen Schufaeintragungen verfügen, weil sie mit ihrer Kohle vorne und hinten nicht klar kommen und wenn das Konto leer ist, fröhlich auf Kredit weiter ihre Freizeit gestalten.

Die Entwicklung in Bezug auf den Wandertag war allerdings abzusehen:
Schon zum letzten Wandertag musste es unbedingst ein total spaßiges und somit auch total überteuertes Super-Spaßbad irgendwo weit weg sein, wo wir hier doch ein "Spassbad" haben, in dem die Kids für das gleiche Geld, für das man in besagtem Event-Bad gerade mal zwei Stunden verbringen konnte, tagelang hätten bleiben können.

Davor eine Mega-Spass- und Activity-Halle mit allerlei Attraktionen (zum Beispiel Spielkonsolen!) gegen teuren Eintritt, anstatt ganz normal in den Sport- und Freizeitpark in der Nachbarschaft zu fahren, wo es, umsonst, Sport- und Spielplätze unter freiem Himmel gibt und sogar die Möglichkeit zu grillen.

Aber, nee, Freizeit und Spaß haben wird immer mehr zu etwas, was

  • passiv erlebt wird
  • mindestens einen Vorturner, sprich Animateur, benötigt
  • irgendwie Hip und cool sein muss
  • auf jeden Fall Geld kosten muss, weil was nichts kostet, ist auch nicht und jede teurer, desto lustiger

Was auf der Strecke bleibt, sind

  • Phantasie und Kreativität
  • Eigeninitiatve
  • die Erfahrung, dass auch einfach Dinge total viel Spaß machen können
  • die Einsicht, dass Spaß nichts mit Konsum zu tun hat

Und, nicht zuletzt, benachteiligt eine solche Einstellung, in besonderem Maße, wenn sie durch die Schule gefördert wird, diejenigen, die eh schon kaum Geld für's Leben haben, Kinder von HartzIV-Empfänger und Geringverdienern.
Ich denke, für die dürften schon die dreißig, vierzig Euro für den eigentlich Ausflug teilweise ziemlich schmerzhaft auf das Familienbudge schlagen, aber dafür gibt es ja Zuschüsse und Schulfonds. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass die auch für irgendwelche Konsumräusche aufkommen.

Mal ganz davon abgesehen, und das regt mich immer noch auf, dass es auch nicht besonders pädagogisch sein dürfte, wenn man seinem Nachwuchs mal so eben nebenher Kohle für den "Shopping-Event" in die Hand drückt.
Meiner kriegt Taschengeld, damit kann er tun und lassen, was er will und wenn er pleite ist, hat er Pech gehabt. Dann muss er auf die nächste Zahlung warten. Naja, wenn irgendwas besonderes ist, wie Trödelmarkt oder so, dann kriegt er schon was extra. Was besonders Spass macht, weil er es eben nicht als gegeben voraussetzt und auch nicht auf die Idee käme, mit offener Hand zu verlangen "Ey, Alte, gib' mal Kohle!"

Ich bin wirklich mal gespannt, was nächstes Jahr bezüglich "Wandertag" auf dem Programm stehen wird....CentrO lässt sich schwer toppen.
Vielleicht mal ein Besuch beim Schuldnerberater.
Das fände ich total trendig und innovativ.


Brave new world!

Kommentare:

  1. Also du sprichst mir aus der Seele. Nur kannte ich bisher solche Konsumverpflichtungen nur im Rahmen von Rentner-über-den-Tisch-zieh-Kaffeefahrten.

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  2. Total krank....
    "Die Gruppenaktivität"...oh mann....
    Was für Zeiten.

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  3. Großer Lob! Ich habe endlich einen sinnvollen Artikel im Internet gelesen! Vielen Dank!

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