"Bildung ist wichtig, vor allem wenn es gilt, Vorurteile abzubauen.
Wenn man schon ein Gefangener seines eigenen Geistes ist, kann man wenigstens dafür sorgen, daß die Zelle anständig möbliert ist.
"
Peter Ustinov
„Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“

Benjamin Franklin


Sonntag, 25. Januar 2009

Back To The Roots - Erinnerungen an nicht wirklich Vergangenes

Ein Gespräch mit dem Sir über Bundesheer und Bundeswehr im weitesten Sinne, in dem es auch ganz kurz um Wehrdienstverweigerung und die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland ging, führte mich wieder zu einer (musikalischen) Reise in meine Vergangenheit. Aber davon gleich mehr.

Zum besseren Verständnis der "Spätgegeborenen", muss ich zuerst vorausschicken, dass man, um das, im Grundgesetz Artikel 4, Absatz 3 verankerte Grundrecht zur Verweigerung des Wehrdienstes bei uns in Deutschland bis 1983 (eigentlich nur bis 1977, allerdings wurde damals der Vorstoß der Rot-gelben-Regierung zur Abschaffung dieser Praxis durch eine Verfassungsbeschwerde der CDU/CSU-Opposition erfolgreich torpediert) wahrnehmen zu können, üblicherweise einen Antrag beim zuständigen Kreiswehrersatzamt stellen mußte, nebst einer schriftliche Begründung, wie heute auch noch, und damals eben anschließender mündlicher Anhörung der Wehrdienstverweigerer durch einen Anhörungsausschuss um die Ernsthaftigkeit der Gewissenentscheidung glaubhaft zu machen.

Mehr zum Thema Wehr- bzw. Kriegsdienstverweigerung und deren Geschichte und Entwicklung findet man in dem sehr fundierten Wiki-Artikel "Kriegsdienstverweigerung in Deutschland"

Bei meiner Recherche, bis wann genau diese Praxis gebräuchlich war, stolperte ich über einen Artikel von Dirk Jürgensen auf Einseitig.Info, in dem er, unter dem Titel "In Sibirien Wache schieben - Als die Kammer noch Gewissen prüfte" nicht nur die damals gängige Praxis sehr treffend anhand seinen eigenen Erfahrungen schildert, sondern auch viel besser als ich es mag, beschreibt, wodurch sich die damalige Generation, zu der ich meine eigene (obwohl Jürgensen gut 8 Jahre älter ist als ich) auch noch zähle, von der heutigen unterscheidet.

Nennt mich eingebildet, aber wenn ich mir heute die Teenager und deren mangelndes (höhö, ist schon sehr geschönt) politisches Interesse betrachte, dann kann ich teilweise nur noch mit dem Kopf schütteln.
Wir trugen auch Palästinenser-Schal, aber nicht als Mode-Gag, sondern weil wir wussten, wofür er steht, und Che Guevara und "Why?-Poster" (kennt die heute noch jemand? Darauf waren unter der besagter Frage sterbende Soldaten, auf meinem eigenen nur ein Kreuz mit einem aufgesetzten Helm und Hundemarke, zu sehen.) zierten unsere Wände (und wir wußten auch da, warum! Als ich vor einiger Zeit, ich glaube es war, als wir unsere Thea abholten, im Schaufenster eines "Modetempels" eine Girlie-Handtasche mit eben dem Konterfei des guten Che erblickte, mußte meine Tochter mich wegzerren, sonst wäre ich wohl reingerannt und hätte denen erzählt, was ich von sowas als Mode-Accessoire halte....war ja leider kein Pflasterstein greifbar....), statt irgendwelcher gefakter Gangsta-Rappers und Eintagsfliegen-Klon-Casting-Boy/Girl-Bands.

Und wir gaben uns am Wochenende nicht dem Koma-Saufen hin, sondern gingen lieber auf politische Demos (*räusper* nicht nur am Wochenende...aber, liebe Jungmenschen, Schuleschwänzen ist kacke, selbst wenn man einen guten Grund zu haben meint!!!).
Zugegeben, nicht unsere ganze Generation war so politisch, es gab auch da die Mode-Püppchen, "liebe Kinder" und den "angepassten Spießer-Mitläufer-Nachwuchs", aber wie Jürgensen schon schreibt, ich kann mich erinnern, dass wir neben dem ganzen anderen Kram, über den Jugendliche eben so quatschen, auch sehr oft über Politik und Umwälzung lamentierten, derweil man sich eine Zigarette drehte (Filterzigaretten waren auch "spießig") und Tee oder Wein Marke "Urwaldmaggie" (Vin de Table, weil billig!) süffelte.

Und dies, um den Kreis wieder zu schließen, spiegelte sich eben auch in der Musik, die ich zumindest, unter anderem hörte.

Nach dem Gespräch also ging mir diese Befragungs-Methodik nicht mehr aus dem Kopf und dann fiel mir der gute alte Franz-Josef Degenhardt wieder ein, den ich neben Liedermachern wie Danzer, Wader, Wegener und einigen anderen zu dieser Zeit gern und oft hörte.

Ich kramte also wieder etwas in meiner Plattensammlung bzw. in YouTube und höre seither die alten Lieder und stelle erleichtert fest, dass sie mich noch immer so berühren wie vor nunmehr fast 30 Jahren.


In meiner kleinen Degenhardt- Reminiszenz zuerst also die

Befragung eines Kriegsdienstverweigerers


Ich denke, jetzt wird klar, warum ich vorher so weit ausgeholt habe. Kaum zu glauben, aber ich kenne Männer, die in der Tat eben mit dieser total bescheuerte Frage bei ihrer Anhörung konfrontiert wurden. Lang ist's her, thank goddess!

Aber Degenhardt hat auch (leider) ewig aktuelle Lieder geschrieben, wie

Eigentlich unglaublich


ein Lied, das ich schon vor geraumer Zeit wiederentdeckt habe.
Aber auch

Wölfe mitten in Mai


und

Die Sprache der Mörder/Auf der Heide


haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Eher im Gegenteil...

Dabei kam mir dann noch Hanns Dieter Hüsch in den Sinn, mit dem ich aufgewachsen bin und der mich mit seiner geschliffenen Sprache, seiner leisen, nachdenklichen Art, mehr als nur ein bisschen geprägt hat. Als er 2001 nach einem Schlaganfall nicht mehr öffentlich auftreten konnte, traf mich das unglaublich, nicht zuletzt, weil ich nachzuvollziehen glaubte, was es für ihn, den Geschichtenerzähler, bedeutete.
Als dann, am 06. Dezember 2005, in den Morgennachtrichten die Meldung kam, er wäre in der Nacht verstorben, habe ich geheult (ich!), wie nur einmal zuvor beim Tod eines Künstlers.

Nun, ich schaute auf YouTube und fand tatsächlich

Das Phänomen


In diesem Sinne wünsche ich euch noch einen schönen Abend!

Kommentare:

  1. Ja, du hast völlig recht, wir waren sehr politisch.

    Ich erinnere mich, das ich mit 14 oder 15 auf dem Heimweg von der Berufsschule (ja wir mussten schon mit 14 arbeiten) in Düsseldorf Rudi Dutschke sah und reden hörte. Von da an war ich infiziert.

    Und später in den 70 und 80er Jahren, die Musik sagte so viel. Degenhardt, Hüsch, Wader und viele, deren Namen ich vergessen habe. Kennt noch Jemand Fasia Jansen? Auch eine großartige Sängerin und Ikone der Ostermarsch-Bewegung.

    Ostermärsche! Wenn ich heute höre, in ganz Deutschland (incl. neue Bundesländer) gehen kaum 10.000 Menschen zu den Ostermärschen, könnte ich heulen. Allein in Solingen marschierten damals so viele nach Köln. Selbst die Bläck Fööss spielten damals kostenlos bei der Abschlussveranstaltung auf dem Kölner Neumarkt.

    Aber zum Glück gibt es auch heute politisch aktive junge Leute. Ich kenne, da ich ja selbst politisch arbeite, eine ganze Menge. Nicht mehr so viele wie damals aber es werden wieder mehr.

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  2. Huhu Hexe,

    Bei Fasia Jansen klingelt etwas bei mir. Sie sang mit Joan Baez und war irgendwie mit Hans-Jürgen Massaquoi (Neger, Neger, Schornsteinfeger) verwandt...?

    An die Meldung vom Tod Rudi Dutschkes erinnere ich mich jedoch noch gut. Fiel ziemlich genau mit der Gründung der "Grünen" zusammen.

    Was für eine Zeit!

    Hm, ich weiß nicht, aber irgendwie war uns damals wohl klarer als vielen heute, dass Demokratie nicht nur etwas selbstverständliches ist, sondern eben auch eine Verpflichtung beinhaltet, sie nämlich auch wahr zu nehmen...

    Mal sehen, ich krame gerade weiter in meinen Erinnerungen (und der Plattenkiste!) und werde wohl noch ein kleines musikalisches Update in den Blog setzen.

    LG
    Crow

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